Inspiration

Als 1975/76 im spießigen Westdeutschland an jedem Samstag um 18 Uhr die Serie »Kung Fu« über den Äther des ZDF im Kasten flimmerte, war mir noch völlig unklar, dass Bruce Lee das Konzept der Serie entworfen hatte. Auch die Tatsache, dass er aus Rassismus gegen asiatische Migrant_innen in den USA die Hauptrolle an David Carradine verlor, war mir als kleiner Stepke unbekannt. Dennoch, die Faszination des Kung Fu, auch seiner zurückhaltenden aber entschlossenen Weltanschauung beeindruckte mich zutiefst. Ich war elektrisiert, vermutlich wie viele Jungen meiner Generation.

1976 begann ich mit Judo, die einzige Kampfsport-Disziplin, die in meinem Dorf angeboten wurde. Obwohl ich Stunde um Stunde Fallübungen absolvieren musste, wir nach Gürtelfarben aufgereiht auf unseren Fersen sitzen mussten, blieb ich viele Jahre dabei. Später gesellte sich dann noch Karate hinzu.

Als Bruce Lees Filme in die schmierigen Bahnhofskinos verdammt seine Fangemeinde eroberte, stand ich mit großen Augen vor den Kinoplakaten...

Bruce Lee | 1973

Wer sich mit modernen, hybriden Kampkunst-Konzepten beginnt zu beschäftigen, trifft früher oder später auf Bruce Lee, auch wenn er ihn zuvor nur als Leinwand-Erscheinung oder vermarktetes Trend- und Kult-Idol kannte.

Dass Bruce Lee in erster Linie Kampfsportler und (praktischer) Forscher auf diesem Gebiet war, ist wohl nur den praktizierenden Kampfkünstler_innen bekannt. Das Neue an seiner offenen, hybriden Herangehensweise war die unortthodoxe Auslegung seiner traditionell erlernten Technken und die Popularisierung (und damit Verbreitung) des modernen Kung Fu über das Medium Film. Er hat sowohl die Kampfsport-Welt als auch die traditionellen Kung-Fu-Filme umgekrempelt. Er startete seinerzeit eine Rebellion. Er »erdete« die Kampfszenen, auch weil sein Filmsettings stets die soziale Frage mit aufwarfen (Rassismsus/Migration/Armut), er verlegte die Kämpfe in Hinterhöfe und trat unverschämt nach.

In seinen Jun Fan Gung Fu-Schulen gab er sein Wissen an Frauen, »Farbige« (People of Colour), Nicht-Asiat_innen weiter, trat als asiatischer Migrant selbstbewusst auf und trainierte bis an das Limit seiner körperlichen Fähigkeiten. Er entwickelte keinen neuen Stil, sondern eine Idee.

Wenn wir heute auf Kampfkunst, Aktion-, SciFi- oder Animationsfilme treffen, die Kampfszenen beinhalten, finden wir bei 99% einen Bezug zu Bruce Lee oder seinen Filmen.

Er ist offensichtlich bis heute sehr inspirativ...